drei schüsse in die luft

Veröffentlicht: Oktober 27, 2014 in Uncategorized

Gestern demonstrierten 4000 Rassisten in Köln.Foto 2
Die Veranstaltung wurde durch „Hooligans gegen Salafisten“ (bin ich der Einzige, der an Pflanzen gegen Zombies denken muss?) beworben und durch ProNRW organisiert. Es kamen hauptsächlich Männer die offen chauvinistisch, rassistisch bis zu nationalsozialistisch auftraten. Man sah Thor Steinar-Jacken und hörte sowohl „Ausländer raus!“, als auch „Frei-sozial-national“ Rufe. Ein besoffener Haufen Testosteron, der versuchte die Kölner Innenstadt in Schutt und Asche zu legen. Die Anzahl der gewalttätigen Fußballfreunde ist erschreckend, ihr Vorgehen nicht.
Schon seit Jahren haben sich – über jegliche rivalisierenden Fantümelei hinweg – Hooligans unter dem Banner der Nationalmannschaft zusammengetan. Aber auch politisch steht man sich nah, da sind die Vereinsfarben nicht so wichtig wie die Hautfarbe. Man(n) versteht sich, trifft sich sowohl auf Aufmärschen, in rassistischen social media Gruppen und unter dem Banner der politicial incorrectness. Die Bandbreite ist beachtlich, der gemeinsame Nenner einfach: deutsch, männlich und latent gewaltbereit.

„Weiß ist nicht nur die Farbe des Trikots“, schrieb die NPD zur WM 2006. Und ja, es geht nicht um Salafisten. Ich unterstelle den Idioten, die gestern in Köln umherspukten, dass sie Salafist synonym mit IS, Islamist und Moslem verwenden (und wahrscheinlich nicht wissen was synonym heißt). Es ging auch nicht ausschließlich um Gewalt, wie viele Medien und Politiker am heutigen Tage proklamieren. Es ist eine Mischung: Macht, Rassismus und Nationalismus. An dieser Stelle greift der Begriff des Hooligan auch nicht mehr, da die Trennschärfe zum organisierten Neonazi, AfD-Rassisten oder Dumpfbackenpatrioten verschwimmt. Auch ein Nazi kann ein Hooligan / Rassist / Gewalttäter etc. sein. Eine Exklusivität gibt es in keinem der genannten Idiotenansammlungen, inhaltliche Überschneidungen umso mehr. Genau dieses braunschimmlige Sammelbecken hat sich in Köln auf die Straße getraut.
„Das Wunder von Köln“, titeln sie heute, immer noch siegestrunken durch den erfolgreichen Rausch der gestrigen Machtorgie. Sie konnten nicht nur in Köln schalten und walten, auch die Regionalzüge am Sonntagabend glichen nationalbefreiten Zonen. Doch woher kommt die Wucht des gestrigen Aufschlages in Köln? Es ist kein Zufall, kein „Wunder“, was dort gestern passiert ist. Es ist das Ergebnis von jahrelanger Arbeit von Nazis, Hooligans und Rassisten, die sich unbehelligt organisieren konnten. Beispiele gefällig?
Bei Alemania Aachen wurde die Fankurve gewaltsam durch organisierte Neonazis von linken Ultras gesäubert. Das Gleiche geschah bei Eintracht Braunschweig. Ein Verhalten der Offiziellen der Vereine? Oh ja, das gab es. Der linken Braunschweiger Fangruppe wurde der Zugang zum Stadion verwehrt (sic!), am Tivoli wurden Transparente mit der Aufschrift „Kein Bock auf Nazis“ mit dem Hinweis verboten, so etwas sei hier nicht erwünscht. Das gleiche Spiel bei Fortuna Köln und beim MSV Duisburg gab es bereits den dritten Überfall auf antirassistische Fans (durch Duisburger Nazihools) in dieser Saison. Die jahrelangen FIFA-Lippenbekenntnisse (say no to racism) gingen an den Funktionären spurlos vorbei. Stattdessen biedert man sich lieber den gewalttätigen Fans an oder versucht mit simplen Parolen („Das sind doch gar keine Fans“) das zu ignorieren, was in den Fanclubs vor sich geht. Eine rassistische Mobilmachung, geschmiedet aus männlichen Ängsten, Mackertum und widerlicher Vaterlandsliebe.
Vor wenigen Monaten schrieb ich bereits an dieser Stelle von meinen Bedenken. Der Gaucho-Tanz war gerade in aller Munde, und Deutschland war frischgebackener Weltmeister. Die Wir-sind-wieder-wer-Mentalität griff um sich und kanalisiert sich nun in Köln. Der Gewinn der Weltmeisterschaft ist genau der Nährboden, den solche Umtriebe benötigen. Bereits nach 1990 brannten die Asylbewerberheime, die Presse schrieb von „Flüchtlingsströmen“ und „Das Boot ist voll“ und das Asylrecht wurde faktisch abgeschafft. Die Ähnlichkeiten zur aktuellen Situation sind frappierend. Die Moscheen brennen, der Islamische Staat ist das mediale Feindbild Nummer 1 und Flüchtlinge haben wir doch sowieso wieder viel zu viele. Dies alles trifft auf dumpfe Weltmeister, wie wir sie gestern zu Tausenden unter schwarz-rot-goldenen-Fahnen in der Domstadt sehen konnten.
Mich hat die gestrige Veranstaltung zu tiefst erschrocken, da ich trotz aller Vorzeichen nicht gedacht hätte, dass ein solch massives Mobilisierungspotenzial zusammenkommt. Aber vor allem der Gedanke, dass das erst der Anfang sein könnte, treibt mich um und führte dazu, dass ich diese Zeilen schreibe. Die Machtdemonstration von Köln wird sicherlich bald neuaufgelegt, schließlich war es ein voller Erfolg und der größte Rassistenaufmarsch der letzten Jahre. Aktuelle Pläne deuten darauf hin, dass das gleiche Pack am 09. November vor den Reichstag aufmarschieren will. 09. November? Da war doch was? Richtig, die Reichspogromnacht, als gewalttätige Deutsche Menschen jüdischen Glaubens angriffen und 400 von ihnen starben. Ich möchte nicht sehen wie 2014 randalierende Nazi-Hool-Rassisten am 09. November durch Kreuzberg ziehen.
Was kann man tun?
Ab in die Stadien, Plakate und Banner gegen diese braune Suppe aufhängen, Druck auf die Verantwortlichen ausüben, sich klar positionieren, sich selbst organisieren, ab am 09. November nach Berlin usw. usf. Das sind nur kleine Schritte. Aber sie sind wichtig und nötig zu gleich. Wie wäre es, wenn im anstehenden Pokal oder am nächsten Spieltag, sich alle Vereine im Profifußball geschlossen gegen diese Arschkrampen stellen würden? Kein allgemeines Anti-Gewalt-Wischiwaschi, sondern ein deutliches Statement gegen die besoffenen Vollidioten und dann raus mit den Jungs aus dem Stadion. Was wäre wenn nicht nur Ralph Gunesch (Fußball-Profi aus Ingolstadt) sich glasklar gegen diese Nazis stellen würde, sondern die Nationalmannschaft, der FC Bayern und all die Schweinsteigers und Hummels? Wenn sie den Spielbetrieb einstellen würden, bis die offen rassistischen Fanclubs die Fußballstätten verlassen hätten und die Vereine die Privilegien, Verharmlosungen und Relativierungen sein lassen würden? Was wenn Kicker und 11Freunde sich verhalten würden? Dann wäre das Klima im Fußball ein anderes und antirassistische Projekte könnten arbeiten ohne ständig Angst vor körperlicher Gewalt haben zu müssen.
Aber das ist wohl nur ein Traum meinerseits. Und wenn ich aufwache ist es der 09. November und Xavier Naidoo singt – wie 2006 – in Berlin mit Reichsbürgern, Nazihools und Rassisten. „Dieser Weg wird ein leichter sein“.

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