der vertrag mit dem stumpfsinn hat sich länger schon bewährt

Veröffentlicht: Dezember 30, 2014 in Uncategorized

Ich habe erneut Platz genommen. Bordsteinkante

Die Bordsteinkante unter meinem Hintern passt besser als zuvor, auch wenn der Stein kalt und hart ist. Aber nun gut, Sohle auf dem Asphalt und los geht es mit dem Jahresrückblick auf 2014.
Nee, nix persönliches. Das hebe ich mir für nächstes Jahr auf. Habe ja noch nicht mal nen Roman rausgebracht im letzten Jahr. Also lieber den Blick auf Politik, Gesellschaft und (Pop-)Kultur geschärft.
Das Jahr brachte vieles, jedoch wenig erfreuliches. Es war ein Jahr der Gegensätze und Verwirrungen. Da konnte man schon mal die Übersicht verlieren. Waren jetzt die kurdischen Peschmerga die Guten? Oder die PKK? Sind sie weniger Terroristen als die ISIS? Klar! Aber was sagt Bundespräsident Gauck dazu, der im vergangenen Jahr nur allzu leichtfertig zu den Waffen rief? Wahrscheinlich kann ihm Frau von der Leyen genau erklären wer die Bösen sind. So etwas weiß die. Beide kennen sich gut mit den Großmachtsträumen (äh, internationale Verantwortung heißt das!) einer blühenden Nation aus.
Aber bevor ich mich erneut aus der Polemik herauswinde bleiben wir doch noch einen Moment. Was würde wohl Ronaldo dazu sagen? Nein, nicht der portugiesische, sondern der brasilianische Fußballer. Noch kurz vor der Weltmeisterschaft in seinem Heimatland rief er laut nach dem Polizeiknüppel für die Demonstranten auf der Straße und hatte wohl übersehen, dass sich zuvor weite Teile der brasilianischen Nationalmannschaft mit den sozialkritischen Protestlern solidarisiert hatten. Aber an der Seite von schillernden Lichtgestalten wie Franz Beckenbauer („Ich habe nie Korruption in der FIFA gesehen“) und Josef „Der Pate“ Blatter kann man schon mal die Orientierung verlieren. Da weiß selbst ein Uli Hoeneß nicht mehr ob er Steuern für das Festgeldkonto oder Alice Schwarzer zahlen soll. Wäre ja fast so als würde die deutsche Nationalmannschaft singen: „So geht Tim Wiese, Tim Wiese der geht so.“ Aber nun gut, wenn ein Herr Kramer mitten im Finale schon fragen muss, ob das hier eben jenes ist, kann man sich auch mal mit den Gauchos irren.
Ansonsten passierte 2014 das, was in der BRD wohl nach Weltmeistertiteln im Fußball passieren muss: Der Pöbel denkt, nun sind wir mal wieder wer, und zündet die Unterkünfte von Flüchtlingen an. Man ist ja nicht rechts, aber… so fangen 2014 viele Sätze an. Vater Rassismus hat mit Pegida ein hässliches Kind in die Welt gesetzt, welches höchstens noch von seinem älteren Bruder Hogesa in seiner Widerlichkeit übertroffen wird. Und so bleibt das Thema Flucht in aller Munde.
Der Fixpunkt der Hässlichen ist Dresden. Ich kann mir nicht erklären was diese Stadt an sich hat, aber es ist bemerkenswert. Nirgendwo anders wäre es möglich gewesen, dass 15.000 Rassisten auf die Straße gehen. Es musste die Elbmetropole sein, in der die landesweit bekannten Dynamo-Fans bis 2014 im Glücksgas(!)-Stadion feierten, tausende Neonazis jedes Jahr aufmarschieren, Millionen Mobilfunkdaten von Gegendemonstranten erhoben wurden und der linke Ministerpräsident Thüringens just in dem Moment ein Verfahren vom Dresdner Gericht aufgebrummt bekommt, als er seine erste Amtswoche begeht. Sind halt alles Orks und Drachenbrut, diese Linken (wie uns die Herren Biermann und Nuhr beibrachten).
Aber es ist nicht allein Dresden. Ein Land, das eine Person wie Helene Fischer in den Olymp hebt, hat wohl nichts Besseres verdient als Pegida / Hogesa / AfD-Idioten.
Aber sieht es in anderen Ländern besser aus? Wohl kaum. Auch wenn ich von meiner Bordsteinkante nicht so weit blicken kann gefällt mir trotzdem Putins Russland (ob mit oder ohne Krim) nicht besonders. Auch Ferguson (USA) wäre 2014 nicht mein erstes Reiseziel. Dann schon eher Nordkorea, da war der große Diktator im vergangenen Jahr zumindest für ein paar Wochen verschwunden. Die Türkei ist sicherlich auch immer eine Reise wert. Nicht nur das man klammheimlich dem IS zujubelt, dass sie das Kurdenproblem endgültig lösen, nein, obendrein haben die Türken noch diesen lustigen Staatsführer. Er hat uns 2014 beigebracht, dass Muslime Amerika entdeckt haben und auch über die Rolle der Frau wissen wir nun genau Bescheid. Schade, dass wir dieses putzige Land nie wieder bei Eurovision Song Contest sehen werden. Nach dem Sieg von Conchita Wurst war das Thema durch und ich das erste Mal ein kleinwenig stolz auf ein Europa, wo Bruderschwester Wurst gewinnen durfte. Fein!
Da können wir uns doch gleich mal ein paar schicken und nicht weniger verwirrenden Themen widmen. Zum Beispiel der Religion. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass der Papst ein Schwindler ist? Anders kann ich es mir nicht erklären. Oder kennt noch jemand die Komödie „King Ralph“? So oder so ähnlich muss die Wahl des amtierenden Papst Franziskus abgelaufen sein. Die müssen gerade einen Heidenspaß im Vatikan haben, wenn sie ständig von ihrem Boss gesagt bekommen, dass ihr Lebenswandel (Prunk, Geltungssucht etc.) falsch ist, Homosexuelle nicht dem Teufel sind und Kapitalismus tötet. Was soll man dazu noch sagen? Erst mag ich Europa und nun den Papst? Naja, ganz so einfach ist es noch nicht einmal auf meiner Bordsteinkante.
Gefreut habe ich mich auch über Malala Yousafzai, welche den Friedensnobelpreis wohl mehr verdient hat als einst Barack Obama. Aber ob man einem so jungen Menschen einen Gefallen tut sie so früh auszuzeichnen, wird die Zeit zeigen. Bei Obama hat es nicht geholfen.
Wen oder was habe ich noch vergessen? Es gab im vergangenen Jahr Ebola, es gab eine Raumfähre die es schaffte auf einem Kometen zu landen und es gab diesen unscheinbaren Herrn Weselsky, welcher unbeliebter als Kim Jong-un und die Ostukraine zusammen war. Respekt! Nicht jeder schaffte es die BILD-Zeitung zu einer Hetzjagd anzustacheln.
Gestorben wurde natürlich auch. Es erwischte Ariel Scharon, dessen Tod die neue Offensive im Gaza-Streifen nicht verhindern konnte. Mit ihm starben 2100 Palästinenser. Darüber hinaus verstarben H.R. Giger, Robin Williams, Udo Jürgens, Joe Cocker und Xavier Naidoo. Letzterer zumindest den gesellschaftlichen Tod nach seinen Liebeleien mit den Reichsbürgern. Ruhet in Frieden.
Darf es vielleicht noch etwas popkulturelles sein? Okay! Ich habe im Jahr 2014 häufig den Weg von meiner Bordsteinkante ins örtliche Lichtspielhaus gefunden. Und ein Film ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Only Lovers left alive von Jim Jarmusch übertraf alle anderen Filme. Zwar begeisterte mich auch ein Gone Girl, aber was Tilda Swinton und Tom Hiddleston dort machten, was einfach beeindruckend. Und wo wir gerade bei begeisternden Material sind: wer die Möglichkeit hat das Spiel The Last of us zu spielen – tut es. Mir gefällt die Story ausgesprochen gut und unterstützt meine These, dass Videospiele eine weitere Säule (neben Buch und Film) des Geschichtenerzählens geworden sind.
Spannendes passierte 2014 auch in meinem Lieblingshobby – dem Rollenspiel. Die fünfte Edition von Das Schwarze Auge wirft seinen langen Schatten voraus, aber dazu 2015 mehr. Begeistert hat mit hingegen der Start von Splittermond und der Relaunch von Degenesis. Beides so hervorragende Bücher, dass ich sie jedem nur wärmstens empfehlen kann und sie auch im nächsten Jahr noch begeistert lesen und spielen werde.
Und sonst?
Nun freue ich mich auf 2015. Beruflich wird das Jahr für mich spannend wie nie, Star Wars wird kommen und die eine oder andere politische Katastrophe wird 2015 sicherlich noch für uns bereithalten. Wir werden sehen ob die Highlights des Jahres 2014 – Krieg und Rassismus – den Jahreswechsel gut überstehen werden oder ja vielleicht von so etwas verrücktem wie Vernunft und Weisheit abgelöst werden.
Zu guter Letzt noch das Bild des Jahres, wie ich finde. Es zeigt die europäische Exklave Melilla in Nordafrika.

A golfer hits a tee shot as African migrants sit atop a border fence during an attempt to cross into Spanish territories between Morocco and Spain's north African enclave of Melilla

Gruß von der Bordsteinkante. Wir lesen uns im nächsten Jahr!

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