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Veröffentlicht: April 22, 2015 in Uncategorized

Gestern war ein besonderer Tag.Foto 2
In Lüneburg begann der wahrscheinlich letzte große Auschwitz-Prozess. Angeklagt ein Mann, der während seiner zweijährigen Tätigkeit im Konzentrationslager Beihilfe zu 300.000fachen Mord geleistet hat. Neben der angereisten Presse aus aller Welt (Russland, Polen, New York Times und die BBC) waren Angehörige und Überlebende aus Kanada, Ungarn und Israel vor Ort.
Auch ich war dort um gemeinsam mit vielen anderen die Aktion »Platzhalter« durchzuführen. Denn vor Prozessbeginn war es nicht möglich für die weit angereisten Angehörigen Plätze im Gerichtssaal zu reservieren. Es drohte, dass die Menschen vor verschlossenen Türen stehen mussten, da das Interesse an solch einem Prozess die vorhandenen Kapazitäten sprengten. Dies wäre ein Skandal sondergleichen und es galt dies zu verhindern.
Getragen von der »Antifaschistischen Aktion Lüneburg / Uelzen« fanden sich zahlreiche Menschen ab 06:00h Morgens vor dem Gericht ein, um den Betroffenen Plätze zu sichern. Eine zweite Sorge war, dass sich organisierte (Neo-)Nazis angekündigt hatten, um die mediale Aufmerksamkeit für ihre Zwecke zu missbrauchen. Ein Dutzend »Herrenmenschen« fand sein Weg nach Lüneburg, aber dank der Aktion »Platzhalter« nicht den Weg in den Gerichtssaal, da zuvor alle Sitzplätze belegt wurden. Nach dem Verteilen von volksverhetzenden Flugblättern und dem Leugnen des Holocaust, war Schluss mit dem Spuk der Faschisten.
Der Prozess selbst begann mit etwas, dass man in den vergangenen 70 Jahren nur selten erlebt hatte – einem Schuldeingeständnis. Oskar Gröning räumte ein, Teil der Vernichtungsmaschinerie Deutschlands gewesen zu sein. Er gab an, sich einst freiwillig zur Waffen-SS gemeldet zu haben und an der Rampe, dem Tor zur Hölle Auschwitz, gedient zu haben. Damit hat Gröning weit mehr eingestanden, als viele seiner Kameraden zuvor.
Ob man ihm dies zugute halten sollte, müssen die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer entscheiden. Denn sie stehen im Zentrum der (juristischen) Aufarbeitung der Barbarei des Nationalsozialismus. Ihnen gebührt die Definitions- und Entscheidungsmacht festzuhalten, ob ihr Leid durch die Aussage Grönings gemildert werden kann oder eben nicht. Sie haben ihr gesamtes Leben unter dem abgrundtiefen Schatten Auschwitz leben müssen, haben Bruder und Schwester, Vater und Mutter, manche mehr als 40 Familienangehörige unter der Naziherrschaft verloren. Wer kann sich da anmaßen ein Urteil zu fällen? Ich kann es nicht.
Nichtsdestotrotz wird das Gericht ein Urteil verkünden müssen. In diesen Tagen höre ich immer wieder von »Genugtuung« für die Opfer. Ein Begriff, der für mich negativ geprägt ist und mir selten leicht über die Lippen kommt. Nicht jedoch in diesem Fall. Es geht nicht um Triumph oder übertrumphen, nicht um Übersteigern und schon gar nicht um Rache. Es geht um Frieden. Oder zumindest die Annäherung an Frieden. Es geht darum an seine ermordeten Verwandten denken zu können und ein stückweit etwas so abwegiges wie Gerechtigkeit empfinden zu können. Das ist die Genugtuung der Opfer.
In Auschwitz haben rund 6000 Menschen gearbeitet. In den letzten 70 Jahren kam es zu nicht einmal 50 Prozesse gegen die Täter. Wer sich das vor Augen hält kann vielleicht verstehen, welche Wichtigkeit dieser wahrscheinlich letzte Prozess für die Überlebenden und Angehörigen des Nationalsozialismus hat.

WIR STELLEN DEN KAMPF ERST EIN, WENN AUCH DER LETZTE SCHULDIGE VOR DEN RICHTERN DER VÖLKER STEHT.
DIE VERNICHTUNG DES NAZISMUS MIT SEINEN WURZELN IST UNSERE LOSUNG.
DER AUFBAU EINER NEUEN WELT DES FRIEDENS UND DER FREIHEIT IST UNSER ZIEL.
DAS SIND WIR UNSEREN GEMORDETEN KAMERADEN UND IHREN ANGEHÖRIGEN SCHULDIG.
– Schwur von Buchenwald

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