denn wir können das viel besser

Veröffentlicht: Juli 22, 2015 in Uncategorized

Es wird politisch.Foto 2

Vor kurzem führte ich eine hitzige Forendiskussion, die weder schön begann, noch angenehm endete. Inhalt des Streits war ein positiver Bezug auf Adolf Hitler und meine – zugegebenermaßen – nicht gerade diplomatische Kritik daran.
Was mir jedoch noch nachhängt, ist nicht die teilweise strunz-doof geführte Debatte, sondern eine einzelne Aussage am Rande, mit nur geringen Belang. So wurde behauptet, dass man 2015 doch über solchen Dingen stehen müsse. Diese Aussage fand ich so diametral falsch, dass sie noch immer nachhallt.
Der Versuch einer Bestandsaufnahme des letzten Jahres (angestoßen durch diesen Artikel).
Mehrere zehntausend Menschen gehen in Dresden, Leipzig und anderen Städten auf die Straße. Sie treten offen rassistisch auf. Eine junge Frau feixt verlegen in die Kamera, dass es zu viele Ausländer gibt. Ich hätte noch vor wenigen Jahren nicht daran geglaubt, dass sich ein solcher Mob zusammenfinden kann und seinen inhumanen Mist über Wochen und Monate propagieren kann. Ich bin gleichermaßen geschockt wie die Weltpresse, welche die hässliche, deutsche Fratze wieder erkannte. Noch immer habe ich nicht ganz verstanden, wie so etwas wie PEGIDA möglich sein konnte und möglich ist.
Viertausend Nazi-Hools wüten durch Köln. Das dabei Shirts mit der Aufschrift »Universität Auschwitz« getragen werden (können), stört augenscheinlich niemanden der anwesenden Herrenmenschen.
In mehreren Fußballstadien entlädt sich die grausige Entwicklung der letzten Jahre. Rechte Schläger gehen gegen linke Ultras vor. Ganze Fanclubs werden aus den Kurven vertrieben. Braunschweig und Aachen nehmen dabei eine traurige Rolle ein.
Fast täglich werden die Unterkünfte von Flüchtlingen angegriffen. Im Vergleich zu 2013 hat die Anzahl der Anschläge um 680% zugenommen. Mal brennt ein braver Finanzbeamter ein Haus nieder, mal wird in zwei aufeinanderfolgenden Nächten auf eine Unterkunft, bewohnt von Männer, Frauen und Kindern, geschossen. Die Polizei ermittelt übrigens wegen Sachbeschädigung, als hätte es den NSU nie gegeben.
Bayern ist sich mal wieder nicht zu schade das Sprachrohr der Rassisten zu sein und würde gerne Abschiebeknäste in Grenznähe errichten. Würde sicherlich auch die Kanzlerin erfreuen, dann müsste sie nicht mehr mit »Flüchtlingsmädchen« (grausiges Wort!) sprechen. Ungarn applaudiert sicherlich.
Die Zeiten sind so angespannt, dass selbst ein Til Schweiger als Feigenblatt der wehrhaften Demokratie herhalten muss. Und tatsächlich, auch wenn sich Herr Schweiger im Ton vergriffen hat (Hey, Til, dass kenne ich doch!), trifft er einen guten Punkt, den ein erzkonservativer Herr Nuhr niemals auch nur erkennen würde. Aber dieser ist eh nur noch in Freithal zu ertragen. Dort findet man es übrigens völlig okay Steine auf Menschen zu werfen – wenn es keine Deutschen sind, versteht sich. Auch »Raus das Pack« ist hier sehr beliebt.
Warum ich diese Grausamkeiten wie Dieter Nuhr und brennende Häuser aufzähle? Weil es der rassistische Normalzustand unserer aktuellen Gesellschaft ist. Die salonfähigen Ressentiments schwappen über das Land und hinterlassen eine widerliche, braune Brühe. Es ist im Jahre 2015 wichtiger denn je den Mund aufzumachen und sich alldem entgegenzustellen. Es ist wichtig zu widersprechen, sich einzumischen und auch mal nicht zu lächeln. Die Stimmung brodelt ähnlich wie Anfang der 90er Jahre, als Städte wie Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen bekannt wurden. Die Deutschen haben den Faschismus niemals endgültig besiegt. Er ist noch da, an den Stammtischen, in der Ausländerbehörde oder in Hamburg-Jenfeld, wo sich eine Anhängerin des FC St. Paulis nicht zu schade war zu sagen „Ich habe nichts gegen Kanaken.“ Dieser Satz fasst den heutigen Rassismus besser zusammen, als jede mir bekannte Studie.
Zum Glück gibt es noch ein paar Gegenbeispiele (um hier nicht ganz durchzudrehen).
Es gibt die beiden Jungs in Nürnberg, die es geschafft hatten, dem örtlichen PEGIDA-Anhängern ihr Fronttransparent zu stibitzen (ihr seid super!).
Es gibt Valentin, einen jungen Bremer Fußballfan und Antifaschist, der sich den Nazi-Hooligans in den Weg gestellt hat und nun in Haft ist.
In der gestrigen Nacht sammelten sich 120(!) Menschen in Lüneburg um eine drohende Abschiebung zu verhindern – erfolgreich.
Das sind die Leute an die wir denken und in unseren Herzen bewahren sollten, wenn der Mob wieder krakeelt. Das ist genau das Engagement, welches in Zeiten von Hitlergrüßen, Angriffen auf Flüchtlingen und Hetze in Sozialen Netzwerken unser Handeln beflügeln sollte.
Bleibt wachsam.

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