johnny wants a brain

Veröffentlicht: November 10, 2016 in Uncategorized

Immer mal wieder, meist wenn der Wind zu kalt wird und die Lage unbequem, setzte ich mich auf meine Bordsteinkante und betrachte die Dinge, die in der Welt passieren.Bordsteinkante

Meist gleicht der Blick eher einem Jahresrückblick als einer Analyse, aber heute ist das etwas anders. Donald Trump wurde gestern zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.

Einfach so. Bäm. Ohne Vorwarnung.

Zumindest für mich völlig überraschend, da ich solch eine Wahl nicht für möglich gehalten hatte und entsprechend ungläubig, mit dem ersten Kaffee in der zittrigen Hand, auf den Fernseher starrte. Noch immer wirkt das Ganze wie ein schlechter Witz, wie eine Episode der Simpsons oder einen Streich von Jan Böhmermann. Doch leider gibt es keinen Jack-in-the-Box der ruft: »Trarara, alles nur ein Witz!«

Also nehmen wir doch mal auf dem Kantstein Platz.

Warum wurde Darth Donald gewählt?

Sicherlich nicht weil alle US-Amerikaner und US-Amerikanerinnen Idioten sind, wie es heutzutage populär ist, zu behaupten. Es gehört etwas mehr dazu Präsident zu werden, als ein paar dumpfe Rednecks hinter sich zu versammeln.

Trump hatte das perfekte Zeitfenster erwischt. Er ist kein Trend, keine neue Richtung. Trump ist Ausdruck eines aktuellen Zeitgeistes, dem der Begriff Populismus nur noch bedingt gerecht wird. Er agiert postfaktisch. Seine Inhalte spielen kaum mehr eine Rolle. Wichtig ist sein Auftreten, seine Haltung und die Emotionen, welche er bei seinen Wählern weckt. Angst ist sicherlich ein wichtiger Faktor, aber bei weitem nicht der einzige. Er war die perfekte (Witz-)Figur der Medien. Niemand sonst bekam so viel Sendezeit und Aufmerksamkeit, wie der »Trottel mit der doofen Frisur«. Und genau das nutzte Trump. Selbst wenn er nur stupide wiederholte, dass Clinton korrupt sei, nutzte er jede Sekunde davon um zu zeigen, dass er die (einzige) Alternative zum Establishment ist.

Viele seiner Wähler gehören zu den white angry men. Diese Leute lassen sich nicht allein durch Furcht instrumentalisieren. Sie haben Ziele. Make America great again, war der perfekte Slogan für sie. Diese Leute wollen nicht mehr belehrt werden. Keiner von Ihnen möchte mehr der Verlierer sein. Sie sind ausgegrenzt. Wirtschaftlich, aber allen voran auch kulturell. Sie wollen Macht, sie wollen ein starkes Amerika mit einem starken Leader. Es ist nicht ihre Angst, die Trump ins Weiße Haus gespült hat. Es ist ihr Hunger nach Anerkennung und Dominanz der US-amerikanischen Gesellschaft.

Es ist der gleiche Hunger, welcher Russen Putin zujubeln läßt. Sie wollen die Sowjetunion zurück, welche einst die mächtigsten Nationen der Welt war. Es soll Schluss sein mit der (falschen) Bescheidenheit. Es geht um Weltmachtsphantasien, wie man sie in Iowa, Texas oder Alabama kennt. Make America great again schafft man nicht mit Schulbildung oder Krankenversicherungen, sondern mit markigen Chauvinismus, einfachen Lösungen und Flugzeugträgern.

Trump nährt genau diese Hoffnung auf ein starkes Amerika. Es ist eine Rhetorik, die mich an George W. Bush erinnert, der einen christlichen Kreuzzug im Nahen Osten ausgerufen hatte. Oder an Frau Palin, die ihr Zeitfenster verpasst hatte und doch unheimlich populär in den USA war und ist. Für Einige sind das die good-old-times. Die Zeiten als Ronald Reagan Star-Wars-Programme initiierte und in tolkinischer Tradition über das Böse im Osten fabulierte. Da war die Welt noch in Ordnung. Damals lief die Autoindustrie noch wie geschmiert und ein Handelskrieg mit China wäre nicht denkbar gewesen. Amerika war die Weltmacht Nummer 1. In allen Lebensbereichen galt: Amerika first!

Dazu kommt, dass die white angry men zutiefst beleidigt sind. Sie wurden acht Jahre lang von einem Schwarzen regiert – die Kränkung könnte nicht größer sein. So ist es für viele eine zutiefst rassistische Entscheidung Trump zu wählen. Sie wollen die Demokraten mit Schimpf und Schande aus Washington jagen, wenn man schon keine brennenden Kreuze aufstellen kann. Die Schmach der Obama-Jahre ist so fest verankert, dass das Land nicht auch noch die erste Frau als Präsidentin verkraftet hätte. Es ist der Backdraft konservativer, sexistischer und rassistischer Kräfte. Ein genussvoller Rückhandschlag der Bigotterie.

Es ist der gleiche Effekt den man in Dresden oder Bautzen beobachten kann, wenn die Männer (und das sind sie größtenteils) »Wir sind das Volk« schreien. Es ist eine so tiefbraune Suppe aus Enttäuschungen und Hass auf alles, was nicht innerhalb des eigenen Tellers schwimmt. Endlich darf man es wieder aussprechen. Endlich darf man wieder auf Sie herabsehen. Endlich ist man wieder wer – oder bildet es sich zumindest ein.

Wird Trump die Welt verändern?

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass er sich in eine illustre Reihe von autoritären Machthabern gesellt. Namen wie Putin, Erdogan, Assad, Orban oder die aufstrebende Le Pen passen vortrefflich zum Politikstil des neuen US-Präsidenten und bilden eine ganz eigene Achse des Bösen. Sie alle eint die Verachtung einzelner Volksgruppen und der Hunger nach Macht. Jeder von ihnen hat mehr oder weniger Schaden in der Welt angerichtet und das wird Trump auch tun. Er wird Entscheidungen treffen, welche für mich nicht nachvollziehbar sein werden (eine Mauer in Richtung Mexiko!). Das wird das Leben Einzelner, wenn nicht gar Vieler verändern. Es wird sie stigmatisieren und diskriminieren. Sie werden ihre Lebensgrundlage verlieren, da kein Platz in TrumpLand für sie vorgesehen ist. Die Menschen mit Behinderungen oder Homosexuelle, denen so viel Verachtung in eineinhalb Jahren Wahlkampf entgegen geschleudert wurde.

Genau deswegen ist Trump mehr als nur ein Symbol, mehr als ein Unfall der US-amerikanischen Politik. Er ist eine echte Gefahr, sollte er seine Ankündigung wahrmachen und Klimaverträge und Gesundheitsreformen rückgängig machen oder Moslems und MexikanerInnen ausweisen. Es bleibt zu befürchten, dass er die Welt zwar nicht zerstört, aber ihr einen hässlichen Anstrich verleihen wird. Genauso wie die Damen und Herren Le Pen, Orban, Assad, Erdogan oder Putin.

Was ist nun zu tun?

In Deutschland wird 2017 gewählt. In einigen Städten läuft der rassistische Mob zu hunderten und tausenden durch die Gassen und schürt Ressentiments. Auch in diesem Jahr brennen die Flüchtlingsunterkünfte in unfassbarer Zahl, auch wenn die Presse nur noch wenig darüber berichtet.

Hier sollten wir ansetzen. Wir sollten den Verhältnissen in diesem Land entschlossen entgegentreten, anstatt nur auf die USA zu zeigen. Der Chauvinismus erstarkt auch in der BRD und wird durch Trumps Strahlkraft wachsen. Er ist allein durch Bildung nicht aufzuhalten (auch wenn das eine wichtige Säule ist).

Einmischen, den Mund aufmachen, sich den Rassisten in den Weg stellen, dass Spotlight auf diese Leute werfen, all das sind entscheidende Faktoren, um einen Höcke, eine Petri oder einen Seehofer in der BRD zu verhindern. Eine rein inhaltliche Auseinandersetzung reicht in postfaktischen Zeiten nicht mehr aus. Viele Menschen, sowohl in der USA als auch in der BRD, haben sich dem Gespräch abgewandt. Sie wollen nicht mehr argumentativ erreicht werden. Es bedarf des politischen Handelns, wenn zum Beispiel Neonazis am 09. November einen Fackelaufmarsch veranstalten und einen Sarg mit der Aufschrift »Antifa« mit sich tragen. Hier sind die Betonköpfe denen man sich in den Weg stellen muss. Nicht allein Trump oder Erdogan entscheiden, wie es mit der Demokratie weitergeht. Jeder Einzelne von uns entscheidet sich, ob er mündig und selbstbewusst seine politische Haltung vertritt, sie reflektiert und um sie streitet. Jeden Tag. In Sozialen Netzwerken genauso, wie im persönlichen Gespräch oder in der Blockade eines Aufmarsches von Rassisten. Oder ob er das Feld einem verrückten Höcke oder PEGIDA überlässt.

Ich bin Autor phantastischer Literatur. Ich bin per Definition Experte darin, Menschen den Eskapimus aus dem Alltag zu ermöglichen. Aber selbst ich mische mich ein und möchte Euch auf meiner Bordsteinkante begrüßen und auf der Straße treffen. Trump steht für eine autoritäre, postfaktische Politik, welche zutiefst diskriminierend ist. Lasst uns gemeinsam verhindern, dass ebendiese Haltung salonfähig wird.

Get up, stand up!

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