Warum fällt es uns so schwer über Rassismus zu sprechen

Veröffentlicht: April 25, 2018 in Uncategorized

Vorbemerkung:img_3763

Dieser Artikel steht im Kontext einer beim Branchentreffen des Phantastik Autoren Netzwerk beginnenden Diskussion, welche aktuell über verschiedene Kanäle nachhallt. Ob auf Twitter unter dem Hashtag #pan18, bei Tor Online, in dem Blog Fried-Phönix oder auf Lena Falkenhagen Website und nun auch erneut hier. Grundlage ist u.a. Lars Schmeinks Impulsvortrag Von Diversität, Intersektionalität und Repräsentation: Politische Dimensionen der Fantastik sowie mein schriftlicher Beitrag Diversität in der Phantastik für die Handreichung des Branchentreffens, welcher der nächsten Ausgabe der Mephisto beiliegen wird.

Phantasten sind rassistisch

Auch. Wie könnte es auch anders sein, schließlich stehen wir alle im Austausch mit der Gesellschaft, in der wir leben. In der BRD geht man von einem offen rassistischen Wählerpotential von rund 20 Prozent aus. Es wäre töricht zu glauben, dass unter all diesen Menschen kein/e phantastischen Autor*innen wären.

Vielleicht sind wir nicht so – im allerbesten Fall – unsensibel, wie die Redaktion des MDR, die vor einer Woche zu der Fragestellung „Darf man heute noch N… sagen“ vier weiße Menschen, darunter Frauke Petry, eingeladen hatte. Schnell kann (und sollte!) man die Stimme erheben, voller Abscheu den Finger in die Wunde legen und das Konzept dieser MDR Sendung als das benennen, was es ist: rassistisch.

Natürlich können (und sollten!) wir mit dem oben genannten Finger auf Rassisten zeigen und diese entlarven, ihnen widersprechen und ihnen den Raum nehmen, sei es im Internet, auf Buchmessen oder auf der Straße. Egal, ob es sich dabei um eine sächsische Rundfunkanstalt, die AfD oder wem auch immer handelt.

Mir geht es jedoch heute nicht um den offenen Rassismus von Katzenkrimischreibenden Idioten und ihren Freunden die Björn oder Bernd heißen, sondern um den versteckten, den unbewussten Rassismus.

Rassistisch sind immer die anderen

Das Phänomen nennt sich othering und macht es uns so schwer unsere eignen Rassismen zu benennen und Rassismus überhaupt wahrzunehmen.

„Ich gehöre doch zu den Guten! Ich mag Jedis und Elfen und finde es völlig okay, wenn Männer miteinander knutschen.“ Das ist auch gut so. Und doch reproduzierst auch Du Rassismus. Diskriminierung ist nicht immer an eine Intension geknüpft. Man ist nicht automatisch ein bildungsferner Vollpfosten um einen Haltungsschaden zu haben. Rassismus agiert gerne auch mal unter dem Radar von privilegierten Menschen, ihn jedoch nur den Anderen™ anhängen zu wollen, ist zu kurz gegriffen und erfüllt lediglich die Funktion der eigenen Absolution.

Aber was heißt denn hier Rassismus?

Rassismus ist nicht nur ein Gefühl, etwas Unbestimmtes oder individuell wahrgenommenes. Rassismus ist auch klar erkenn- und messbar. Selbstredend kann man kritisch auf phantastische Erzählungen blicken und prüfen, inwieweit biologistische oder kulturelle Stereotypen reproduziert werden. Nämlich dann, wenn ich mir anschaue, wie viele meiner Figuren eine klar definierte Hautfarbe haben, die nicht weiß ist.

Erweitern wir für einen kurzen Moment den Blickwinkel und schauen uns an, wie viele proaktive Figuren in meinen Geschichten Frauen sind? Statistisch dürften es rund die Hälfte sein, oder? Filme wie Black Panther oder die Serie Star Trek Discovery haben meine Sehgewohnheit anfangs irritiert. Woher stammen nur all die Frauen auf dem Raumschiff? Wieso sind die Techniker in Wakanda weiblich? Ja, eben. Ich habe jahrelang andere (sexistische / rassistische) Repräsentanzen konsumiert und bin nicht daran gewöhnt

Anhand von Statistiken kann man recht eindeutig erkennen, welche tatsächliche Verbreitung Schwarze Deutsche, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, Menschen auf der Flucht, heterosexuelle Männer etc. innehaben. Wenn nun aber alle handelnden Personen in meiner Erzählung weiß oder undefiniert sind, haben wir ein Problem. Es stellt sich die Frage, warum habe ich mich als Autor*in dagegen entschieden Diversität in meinen Geschichten aufzuzeigen? Sie existiert doch in der Welt da draußen, warum darf sie dann keinen Platz in meinen Geschichten finde? Wie kann es sein, dass die Straßen von Köln vielfältiger wirken, als meine Fantasywelt?

Weil ich offen rassistisch bin? Das kommt wohl eher selten vor. Denkbarer wäre aber, dass ich mir aufgrund meiner eigenen Hautfarbe (oder auch meines Geschlechts & sexuellen Orientierung) niemals Gedanken um Repräsentanz machen musste. Die Figuren in den von mir gelesenen Büchern sind weiß, die Menschen im Werbefernsehen sind weiß, die Helden der von mir geschauten Kinofilme sind weiß. Mir fehlt schlichtweg die Empathie zu erkennen, dass anderen Menschen nicht so privilegiert sind wie ich.

Also bin ich etwa rassistisch?

Ja. Das passiert. Häufig ist das Agieren vielleicht sogar frei von einer rassistischen Intension und doch bleibt es für Betroffene nichts anderes als Rassismus. Die Verletzung schmerzt nicht geringer, nur weil es „nicht so gemeint war“.

Wenn man sich in einer Unterhaltung ins Abseits schießen möchte, erhebt man einen Rassismusvorwurf. Die Rektion ist fast immer die gleiche: Empörung und Beendigung der Diskussion. Als ich meinen Artikel für das PAN-Branchentreffen verfasst hatte wurde ich mit massiven Gegenwind bedacht. Der Vorwurf der Nestbeschmutzung, der berühmte Rassismusvorwurf, stand im Raum und es hätte nicht viel gefehlt und der Artikel wäre niemals erschienen. Das ist normal. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Rassismen tut im gleichen Maße weh, wie sie notwendig und ungewohnt ist. Sie nagt am Selbstbild und ruft eine kraftvolle Verteidigungshaltung hervor. Ich, rassistisch? Meine Peergroup soll aus Arschlöchern bestehen? Undenkbar!

Und doch handeln wir alle immer wieder rassistisch oder anderweitig diskriminierend. Die Pointe der Geschichte ist: Auch in meinen Geschichten sieht es nicht viel besser aus. Natürlich habe auch ich tradierte Rollenbilder und Rassismen in meinem Kopf und ich würde einem Großteil der mir bekannten und befreundeten Phantastikautor*innen das selbe unterstellen. Aber ich möchte im gleichen Atemzug sagen: Euer Rassismus ist nicht schlimm, wenn ihr ihn erkennt. Er ist schlimm, wenn ihr ihn dort belasst, ihn hegt und pflegt oder wenn ihr ihn ignoriert.

Phantastische Literatur ist Unterhaltung

Wie Udo Lindenberg kürzlich anmerkte, steckt in dem Wort Unterhaltung der Begriff Haltung. Uns allen würde es gut zu Gesicht stehen ebendiese Haltung zu entwickeln und zu reflektieren. Es reicht nicht aus, aus dem heterosexuellen Protagonisten einen Schwarzen Krieger mit polyamoröser Homosexualität zu machen. Es geht um die Empathie sich in die Lebensrealitäten von anderen Menschen hineinzuversetzen, welcher weniger Privilegien als man selbst hat. Rassismus ist kein Buch, was man beliebig in die Hand nehmen und wieder weglegen kann, wenn man betroffen ist. Rassismus bedeutet für viele Menschen (Angst vor) Verletzungen und Sorge um das eigene Leben, sowie eine permanente, omnipräsente Benachteiligung.

Traut Euch mit kritischen Blick auf Euer Handeln zu schauen, reflektiert Eure Erzählung und – so seltsam der Aufruf an Autor*innen sein mag – liest ein Buch zu dem Thema! Ich empfehle zum Einstieg „exit RACISM“ von Tupoka Ogette oder Noah Sows „Deutschland Schwarz Weiß“. Rassismuskritisch Denken und Handeln ist möglich, auch wenn es nicht immer Spaß macht sein Happyland zu verlassen.

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.