Unterhaltung kommt von Haltung

Veröffentlicht: Juli 17, 2018 in Uncategorized

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Leserinnen und Leser,img_3763

ich möchte mich von ganzem Herzen für die zahlreichen Reaktionen bedanken, welche mich seit der Beendigung meiner Zusammenarbeit mit Ulisses Spiele erreicht haben. Ich bin ein bisschen überwältigt.

Natürlich habe ich damit gerechnet, und vor allem gehofft, – nachdem die internen Gesprächsversuche mehrfach gescheitert waren – dass ein Diskurs rund um die Themen Sexismus und Rassismus in der Community entstehen würde. Da erste kritische Stimmen zu der Reproduktion rassistischer Klischees im Buch „Wege der Vereinigung“ noch aktiv und kategorisch von der aktuellen DSA-Redaktion zurückgewiesen wurden, sah ich keinen anderen Weg, als meine Haltung öffentlich zu machen.

Verrückte Tage

Mein Blog hatte in den letzten Tagen mehr als 5000 Aufrufe. Hunderte Foreneinträge und Beiträge wurden in den Sozialen Netzwerken geschrieben. Ich erhielt warme Worte von (ehemaligen) Ulisses-Mitarbeitern und darüber hinaus Zustimmungen von Menschen, mit denen ich schon viele Jahre nicht mehr gesprochen hatte. Rollenspielautoren nahmen sich den Vorfall zu Herzen und kündigten an, homosexuelle Figuren in ihre Texte zu schreiben und Blogger wollen nun nicht mehr über DSA berichten. Mich erreichten Solidaritätsbekundungen von mehreren Illustrator*innen sowie ein Jobangebot von einem Verlag, für den ich bisher noch nicht gearbeitet habe. Ich erhielt bestürzte Mitteilungen von Menschen, die fassungslos auf die Veröffentlichung „Wege der Vereinigung“ blickten, sowie liebevolle und kämpferische Wortmeldungen. Euch allen vielen, vielen Dank.

Kritik an der Kritik

Natürlich gab es auch Gegenwind. Das war zu erwarten, wenngleich mich der offene Sprachjargon der alt-right Bewegung und Pegida / AfD-Sprech doch zusammenzucken ließ. Es sind wenige dieser Stimmen, aber sie sind laut und deutlich. Ein Problem für die Community.

Selbstredend erhielt ich den Vorwurf der Profilierung, wie er wohl immer genannt wird, wenn man für sein Anliegen die Öffentlichkeit sucht. Wer mich kennt, meine Arbeit oder auch nur meinen Blog verfolgt, hat ein ziemlich genaues Bild davon, dass ich meine Überzeugung klar und deutlich artikuliere. Mein letzter Blogbeitrag war nicht meine erste gesellschaftspolitische Wortmeldung und nicht meine letzte. Natürlich geht es auch in diesem Fall um die konkret von mir formulierten Punkte und nicht um Scheingefechte, Verschwörungstheorien oder gar simples Nachtreten. Für solche Spielereien gibt es schlichtweg keinen Grund, und derartige Behauptungen dienen lediglich der Bagatellisierung der geäußerten Kritik.

Ich bin doch kein Rassist, aber…

Die Unkenntnis vieler Stimmen zu den Themen Sexismus und Rassismus hatte mich etwas erschreckt. Diskriminierung ist durchaus wissenschaftlich behandelt, und in der heutigen Zeit sollte es keine große Schwierigkeit sein, um auf entsprechende Erkenntnis zuzugreifen. Dabei will ich nicht ausblenden, dass z. B. Rassismus ein komplexes und schwer zugängliches Thema ist, welches ich sicherlich nicht in diesem Beitrag (er-)klären kann. Und doch habe ich die Hoffnung, dass sich die eine oder der andere auf den Weg macht, um es für sich zu entdecken. Erlaubt mir zwei kurze, inhaltliche Impulse.

Bei rassistischem Verhalten ist die Intention irrelevant. (Zweimal durchatmen und den Satz bitte noch einmal lesen). Ja, genau. Es interessiert schlichtweg nicht, warum jemand rassistische Stereotypen benennt oder gar publiziert. Ein schlechter Witz oder Boshaftigkeit? Völlig egal! In der Rassismusforschung wird davon ausgegangen, dass die Intention für die Wirkungsmacht der geäußerten Diskriminierung weitgehend keine Rolle spielt. Sehr wohl jedoch die Akzeptanz der Gesellschaft für derlei Diskriminierungen. Vielleicht ändert dieser Umstand die eine oder Bewertung der Debatte.

Rassismus ist ein System, welches bestimmte Menschen diskriminiert und der Mehrheitsgesellschaft Privilegien gewährt, zu denen People of Color keinen Zugang erhalten. Menschen in diesem System abzuwerten, weil man sie mit animalischen (und weniger intelligenten) Attributen markiert, ist rassistisches Handeln.

Das System Rassismus fängt im Kopf, in der Sprache und in den Büchern an, wo herabwürdigende, auf kolonialem Boden konstruierte Stereotypen gebildet werden, und nicht erst bei einem Brandanschlag oder Ertrinkenden im Mittelmeer. Das System Rassismus hat Auswirkungen auf Biographien, Karrierechancen, gesellschaftliche Teilhabe, psychische Gesundheit und körperliche Unversehrtheit. Deshalb ist es wichtig, ebendieses System an den Stellen zu benennen, wo es sich zeigt, selbst wenn es eine fragwürdige Spielhilfe für ein von mir geliebtes Rollenspiel ist.

Deutungshoheit

Darüber hinaus finde ich es bemerkenswert, wer hier alles Rassismus zu beurteilen sucht. Wenn die Deutungshoheit ein so umstrittenes Gut ist, wie die Debatte in den Foren zeigt, dann bitte ich die Kritiker meiner Worte sich an Betroffene von Rassismus zu wenden. Ich meine dabei explizit nicht den besten Kumpel, sondern Organisationen wie z. B. die Initiative Schwarzen Menschen in Deutschland e.V. oder die Amadeu-Antonio-Stiftung. Es wäre sicherlich interessant, was sie zu Zitaten wie: „…sind die meisten Mohastämme recht gut mit den Zusammenhängen von Sexualität und Empfängnis vertraut – was sie sich vermutlich aus der eigenen Lebenserfahrung sowie aus der Beobachtung der sie umgebenen Natur abgeleitet haben.“ (Wege der Vereinigung, S.28). Dass hier der aus der Tierwelt bekannte Begriff der „Paarung“ verwendet wird, rundet die koloniale Perspektive ab.

Ein letzter Tipp

Ich empfehle, wenn sich jemand mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen möchte, die Bücher „Exit Racism“ von Tupoka Ogette oder „Deutschland Schwarz Weiß“ von Noah Sow. Beide Werke können sehr hilfreich sein, um sich in die Auseinandersetzung mit (dem eigenen) Rassismus und den eigenen Privilegien zu begeben. Beide Frauen geben übrigens auch Workshops zu rassismuskritischem Handeln.

Was bleibt, ist mein Dank an die vielen engagierten Menschen, die sich aus dem gemütlichen Happyland gewagt haben, um sich lebhaft an der Auseinandersetzung zu beteiligen.

Weitere Beiträge zu der Diskussion finden man unter folgenden Links. Evtl. werde ich diese Liste zu Dokumentationszwecken erweitern, wenn noch interessante Beiträge veröffentlicht werden.

Stellungnahme Ulisses Spiele zur geäußerten Kritik: http://www.ulisses-spiele.de/neuigkeiten/2018-07-13-wege-der-vereinigungen-ein-kontroverses-buch/

Dekonstruktion der Stellungnahme von Michael Masberg: http://www.michael-masberg.de/nichts-verstanden-wenig-gelernt/

Ein zusammenfassender Artikel: https://rakshazarer.wordpress.com/2018/07/13/rassismus-sexismus-shitstorm-in-der-rollenspielcommunity-teil-1-wege-der-vereinigungen/

Tor-online wirft einen Blick auf die Kontroverse: https://www.tor-online.de/feature/buch/2018/07/wege-der-vereinigungen-dsa-sex-spielhilfe-sorgt-fuer-kontroversen/

Newsartikel auf einem Tabletopblog: https://derkleinekrieger.blogspot.com/2018/07/arger-bei-ulisses-spiele.html

Video Orkenspalter TV: https://www.youtube.com/watch?v=FOtT_woLTJ8

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