what a wicked game you play

Veröffentlicht: Oktober 16, 2013 in Uncategorized

Als ich am vergangenen Samstag, während meiner Lesung zur Krieger-Anthologie, Foto_Mike

auf den Zusammenhang von Krieg und Flucht hinwies und zur Solidarität mit den Lampedusa-Flüchtlingen aufrief, wusste ich noch nicht, was sich gerade in der Hansestadt Hamburg abspielte. Mir war es allein ein Ansinnen für einen kurzen Augenblick den phantastischtypischen Eskapismus (den ich auch sehr schätze) zu durchbrechen und aufzuzeigen, dass Krieg und Flucht äußerst reale Schrecken in unserer Welt sind. Hätte ich gewusst was der Senat Hamburg für einen inhumanen Weg eingeschlagen hat, meine Worte wären andere gewesen.

Was ist geschehen? Seit letzter Woche hat die Innen- und Ausländerbehörde der Stadt Hamburg angewiesen, Menschen im Stadtgebiet zu kontrollieren. Die Kriterien, die man erfüllen muss um kontrolliert zu werden, waren schnell klar: dunkle Hautfarbe. Denn dem Senat Hamburg geht es darum die 250 bis 300 Flüchtlingen, welche über Lampedusa in die Hansestadt kamen, zu finden, zu registrieren und ins Abschiebeverfahren einzugliedern. Die großangelegten und täglich stattfindenden Polizeiaktionen zielen dabei auch auf die Unterstützerstrukturen. So gab es Pläne (laut taz) selbst das Kirchenasyl der St. Pauli-Gemeinde zu ignorieren und die Kirche selbst zu stürmen, um den Flüchtlingen habhaft zu werden. Mehrere Polizeibeamte sollen sich daraufhin krank gemeldet werden. Es gibt mir sehr zu denken wenn einzelne Beamte humanistischer handeln, als eine SPD regierte Stadtbehörde.

Neben den verordneten Menschenjagden auf Hamburgs Straßen stellte der Senat parallel ein Ultimatum an die Lampedusa-Flüchtlinge. Sie müssen sich bis zum heutigen Mittwoch bei der Ausländerbehörde melden, um so ihre eigene Abschiebung voranzutreiben. Die bereits aufgefundenen Menschen werden der Behörde polizeilich vorgeführt. Aktivisten reagierten mit einem eigenen Ultimatum das forderte, die rassistischen Kontrollen bis Dienstag Abend einzustellen, ansonsten wird der Protest entschlossen auf die Straße getragen. In der Nacht gab es schwere Ausschreitungen im Viertel St. Pauli.

Mir fehlen fast die Worte, um den Zynismus des Senats Hamburg zu beschreiben. Wir alle haben noch die Bilder der Sargreihen auf der Insel Lampedusa vor Augen. Hunderte Menschen starben quallvoll im Massengrab Mittelmeer, wo in den letzten 20 jahren vermutlich 16.000 Flüchtlinge ertranken. Ich sehe noch die Bilder von Frauen, Männern und Kindern, die hinter Stacheldraht in Abschiebeeinrichtungen die Toten betrauerten. Ich habe noch die Worte von so illustren Personen wie dem Bundespräsidenten und dem Papst im Ohr, die auf die humanistische Katastrophe hinwiesen und an eine gesamteuropäische Verantwortung mahnten. Und ich höre noch die Aussage des Arztes auf Lampedusa, welcher die hunderten Toten untersuchen musste und überlegte, nicht mehr Arzt sein zu wollen und zu können. Mir ist es nicht zu erklären, wie auf der Basis solch schrecklicher Geschehnisse, die Stadt Hamburg diesen menschenverachteten Weg einschlagen konnte.

Ich fordere den Senat hiermit auf die Repression gegen die Flüchtlinge umgehend einzustellen und aufzuhören, die Perspektiven der Menschen zu blockieren. Ich wünsche mir eine breite Solidarität mit den Lampedusa-Flüchtlingen, auch gegen das massive Auftreten der Behörden. Und ich werde für heute die Tastatur beiseite legen und nicht an neuen Geschichten arbeiten, sondern mich den Protesten auf den Straßen Hamburgs empört, wütend und fassungslos anschließen.

Hintergründe und aktuelle Informationen: Lampedusa in Hamburg

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Kommentare
  1. […] in die Hansestadt kamen. Schon vor einigen Monaten berichtete ich in diesem Blog (hier & hier) über die unerträglichen Zustände in Hamburg. Die Stadt, welche sich gerne selbst als Tor zur […]